Sollte man mit dem Skalpell arbeiten oder tut es auch ein Schleifer?

Frage von Renate T., Berlin: Über den Einsatz des Skalpells bei der podologischen Behandlung wird wegen der erhöhten Verletzungsgefahr immer wieder diskutiert; dies besonders im Zusammenhang mit dem diabetischen Fuß, bei Patienten mit einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) oder chronisch venösen Insuffizienz, sowie bei Menschen, die gerinnungshemmende Medikamente einnehmen. Sollte man in der Podologie mit dem Skalpell arbeiten, oder tut es auch ein Schleifer?“

Beatrix Negel-Riedel, Podologin: Um den Einsatz der beiden Instrumente Skalpell oder Schleifer richtig einschätzen zu können, bedarf es einer fundierten Ausbildung und viel Übung in deren Handhabung. Kennt man die Hintergründe der jeweiligen Anwendung, deren physikalische und biologische, wird schnell klar, welchen Unterschied es zwischen Skalpell und Schleifer gibt.

So kommt das Skalpell kommt nur dann zum Einsatz, wenn die Hornhaut sich als Schwiele gelblich-glasig zeigt oder wenn es sich um eine zerklüftete, harten Verhornungen handelt (zum Beispiel  im Fersenbereich). Die Hornhaut wird dann nicht abgeschabt, sondern mit einer präzisen Schnitttechnik abgetragen. Mit dieser lassen sich auch schwierige Hornstellen, die zum Beispiel in die Tiefe gehen, kontrolliert und verletzungsfrei behandeln. Unterstützend können keratolytische Produkte die Abtragung erleichtern.

Die Vorteile der Schnitttechnik: Durch die manuelle Entfernung der Hornhaut entsteht keine Reibungswärme. Die Übergänge von der normalen Haut zur Hornhautschwiele sind anschließend angeglichen, so dass eine gleichmäßige Druckverteilung stattfindet und keine Druckspitzen mehr entstehen können. Bei der Abtragung mit einem Skalpell kommt es nicht unbedingt darauf an, die Dicke der Hornhaut bis auf das Minimum zu reduzieren (Vorsicht: anschließende Reibungsempfindlichkeit!), sondern eine großflächige Druckentlastung zu schaffen. Die durch den Schnitt glatte Oberfläche lässt bei der Gangabwicklung weniger Reibungswärme entstehen und somit reduziert sich die Hornhautbildung bei entsprechender Hautpflege.

 

Callositas vor und nach der Behandlung mit dem Skalpell.
Callositas vor und nach der Behandlung mit dem Skalpell.



Raue schuppige Haut hingegen wird geschliffen oder nur mit Hautpflege auch in der Heimempfehlung versorgt. Im Gegensatz zum Skalpell arbeitet der Schleifer rotierend. Unebenheiten von Verhornungen die in die Tiefe gehen, lassen sich mit dem Schleifer nicht sauber im Übergang an das gesunde Gewebe angleichen, so dass an diesen Stellen immer wieder Druckspitzen entstehen.
Abgesehen davon erzeugt das Schleifen eine hohe Wärmeentwicklung und provoziert somit vermehrte Hornhautbildung. Zudem kann unter Umständen sogar eine thermische Verletzung im darunterliegenden Gewebe verursacht werden, auch bei Nasstechnik. Die angeraute Oberfläche entwickelt in der Gangabwicklung viel mehr Reibungswiderstand und somit mehr Wärmeentwicklung. Dies provoziert eine vermehrte erneute Hornhautbildung.
Die Vorteile des Schleifens: Wird das rotierende Instrument gezielt für kurze Zeit zum glätten von rauer Haut eingesetzt, können Verletzungen durch Schneiden an zu dünner Haut vermieden und ein weiteres einreißen der Hautschuppen eingegrenzt werden. In diesem Behandlungsbereich ist der Schleifer ein sehr nützliches Instrument.
Fundiertes Wissen über Anatomie, Hautbeschaffenheit, Krankheitslehre, physikalische und biomechanische Prozesse, sowie eine sichere und geübte Handhabung der Instrumente, entscheiden über die verletzungsfreie Anwendung am diabetischen Fuß. Beide Instrumente kommen in der podologischen Anwendung – je nach Hautbild – gleichberechtigt zum Einsatz.

Behandlung-Schleifen
Hyperkeratose vor und nach der Behandlung mit dem Schleifer.



RiedelDie Frage beantwortete Beatrix Negel-Riedel, Podologin

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